Gelenkschmerzen

(Arthralgie)

Ursache von Gelenkschmerzen ist meist eine Arthritis oder eine Arthrose.

Eine Arthritis ist eine Entzündung der Gelenke, die einhergeht mit den typischen Entzündungszeichen Schmerz, Schwellung, Hitze, Röte und Funktionseinschränkung, während eine Arthrose durch degenerative Veränderungen am Gelenk entsteht, also durch Verschleiß, und außer bei seltenen akuten Episoden keine Entzündungszeichen hervorbringt.

Typisch für eine entzündliche Gelenkerkrankung ist weiterhin die morgendliche Steifigkeit der Gelenke, die bis zu eine Stunde und länger anhält, wohingegen die Arthrose gekennzeichnet ist durch einen Anlaufschmerz nach Ruhe, der sich jedoch bei fortgesetzter Bewegung (i.d.R. nach 15 Minuten) bessert.

Eine Arthritis kann sowohl akut als auch chronisch verlaufen. Sie kann durch ein direktes Eindringen von Erregern in ein Gelenk (z.B. nach einem operativen Eingriff), durch eine systemische Infektionskrankheit (z.B. infolge einer Infektion des Atem-, Harn- oder Darmtrakts), durch Störungen des Stoffwechsels (z.B. Gicht) oder autoimmun verursacht sein.

Zur Diagnosestellung werden verschiedene Parameter herangezogen, von der Symptomatik (v.a. wie viele und welche Gelenke betroffen sind) über spezielle Blutuntersuchungen bis zu bildgebenden Verfahren wie Röntgen, Computertomografie oder Magnetresonanztomografie.

Außer der akut infektiösen Arthritis zählen die Erkrankungen der Gelenke alle zu den Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises. Oft ist es nicht ganz klar möglich, eine eindeutige Diagnose zu stellen, da die Symptomatik, besonders zu Beginn der Erkrankung, meist sehr unspezifisch ist und mehreren Krankheiten zugeordnet werden könnte. Es kann über verschiedene Blutuntersuchungen versucht werden, konkretere Hinweise zu bekommen, z. B. über das Vorhandensein des sog. Rheumafaktors oder bestimmter genetischer Merkmale im Blut, wie das HLA-B-27-Antigen, ein diagnostisch hilfreiches Protein, das häufig im Zusammenhang mit bestimmten Erkrankungen wie reaktive Arthritis, Psoriasis-Arthritis oder Morbus Bechterew vorkommt.


Schulmedizinische Therapie:

Bei Arthrosen wird i.d.R. konservativ behandelt: Gewichtsreduktion, gelenkschonende Bewegung wie Schwimmen, Radfahren oder Wandern, Wärmeanwendungen und bei starken Schmerzen auch entsprechend Medikamente.

Bei den Arthritiden richtet sich die Therapie nach der Ursache. Liegt eine Infektion vor, wird mit Antibiotika behandelt, um gegen die zugrunde liegende Krankheit vorzugehen. Bei einem Autoimmungeschehen wird mit schmerz- und entzündungshemmenden Mitteln gearbeitet und natürlich auf lange Sicht immunsuppressiv mit Cortison, um das Immunsystem daran zu hindern, weiterhin gegen körpereigenes Gewebe zu agieren.

Bei stoffwechselbedingten Gelenkbeschwerden wie Gicht, liegt der Schwerpunkt auf einer Anpassung der Ernährung, evtl. in Kombination mit Medikamenten, die die Bildung von Harnsäure reduzieren.


Homöopathische Therapie:

In der Klassischen Homöopathie wird der Schwerpunkt nicht so sehr auf die akute Symptomatik der Gelenkbeschwerden gelegt. Im Vordergrund steht hier, was für ein Prozess im Körper gerade vor sich gehtist es ein rein akuter entzündlicher oder liegt ein Autoimmungeschehen vor? Gab es eine (möglicherweise unterdrückend behandelte) Infektionskrankheit im Vorfeld? Liegt eine erbliche Belastung vor? Dies ist wichtig, um einschätzen zu können, wie tief im Organismus die Störung verankert ist, die die Gelenkbeschwerden verursacht und ob man einen schnellen oder länger dauernden Heilungsprozess zu erwarten hat. In jedem Fall wird aber wie gewohnt der Mensch in seiner Gesamtheit betrachtet und das für ihn individuell passende Arzneimittel gesucht, um den vorliegenden Prozess zu stoppen und rückgängig zu machen.


Falldarstellung

Frau, 34 Jahre, Australierin

Sie kommt wegen entzündlicher Gelenkschmerzen, die sie seit ca. drei bis vier Wochen hat.

Es begann am rechten Knie, dann kamen Gelenke am linken Fuß und der rechte Knöchel dazu. Im weiteren Verlauf kamen immer mehr Gelenke an Armen und Beinen hinzu, die abwechselnd stark schmerzen, gerötet und geschwollen sind. Auch fühlen sich der Rücken und Nacken steif an, sie kann den Kopf nicht frei drehen.

Ein paar Wochen zuvor hatte sie im Urlaub in ihrer Heimat Australien eine heftige Sinusitis gehabt, die mit einem Antibiotikum behandelt worden war. Die Gelenkschmerzen begannen dann einen Tag vor ihrer Abreise zurück nach Deutschland, wo sie gerade eine Anstellung hat. Sie hatte recht großen Abschiedsschmerz, weinte öfters schon vor der Reise. Gleichzeitig war sie angespannt in Bezug auf die beruflichen Aufgaben, die sie in Deutschland erwarteten.

Sie war allgemein schon seit langer Zeit immer irgendwie müde.

In der Vorgeschichte der Patientin findet sich ein Melanom, das operativ entfernt wurde. Der Onkel leidet an Morbus Bechterew, der Vater war sieben Jahre zuvor an Hautkrebs verstorben.

Auffallend in ihrer Krankengeschichte ist eine heftige Neigung zu erbrechen. Schon als Kleinkind hatte sie nicht enden wollende Brechattacken, die teilweise nur durch eine Behandlung im Krankenhaus gestoppt werden konnten. Auch war jede akute Erkrankung bei ihr von Erbrechen begleitet.

Sie leidet generell dauernd an Sodbrennen, v.a. nach dem Essen muss sie sauer aufstoßen, wogegen sie beständig Säureblocker einnimmt.

Sie hat oft kalte Hände und Füße, kann aber Wärme nicht vertragen, hat auch bei kühlen Temperaturen immer das Fenster offen und wenn sie von der Kälte in einen warmen Raum kommt, wird es ihr richtiggehend übel durch die starke Reaktion des Kreislaufs.

Unter Einbeziehung dieser Symptome und noch weiterer Informationen bzgl. ihrer Persönlichkeit und Reaktionsweise jetzt und früher, wurde ein homöopathisches Mittel verordnet.

Nach Arzneimittelgabe

In den folgenden zweieinhalb Wochen besserten sich die Gelenkschmerzen zunächst, fielen dann jedoch auf das Ausgangsniveau zurück, auch die Energie wurde schlechter, sie war viel müde und schlief schlecht. Daraufhin wurde ein neues Mittel herausgesucht und verordnet. Die Reaktion darauf war ein zweitägiger Durchfall und ein leichter Schnupfen. Die Energie und Stimmung wurden besser, aber die Gelenkbeschwerden verschlimmerten sich zunächst, sie musste weiterhin regelmäßig Schmerztabletten nehmen. In der Zwischenzeit wurde HLA-B-27 bei ihr im Blut positiv getestet und der behandelnde Hausarzt eröffnete ihr, dass sie wegen ihrer Erkrankung keine Kinder bekommen sollte, da sie lebenslang auf Schmerztabletten angewiesen sein würde,was sich mit einer Schwangerschaft nicht vertragen würde.

Zusammengefasst blieb der Gelenkschmerz die nächsten drei Monate leicht verbessert aber stagnierte. Dazu kam, dass sie viel müde war und wenig Energie hatte. Also wurde nochmals nach einem besseren Mittel gesucht. Nach der Einnahme dieser Arznei bekam sie sofort einen akuten Infekt, der in seiner Symptomatik der unterdrückten Sinusitis sehr ähnelte. Die Patientin überstand ihn gut, unterstützt durch Ruhe und Hausmittel wie Inhalieren etc., konnte auch gut schlafen und sich erholen. Danach war die Arthritis fast weg, nur an einem Zehengelenk des linken Fußes spürte sie noch gelegentlich einen leichten Schmerz. Sie hat in einem viertel Jahr nach dem letzten Mittel nur zwei Schmerztabletten benötigt. Interessanterweise erzählte sie in diesem Folgetermin, dass sie auch das Antidepressivum, das sie über Jahre hinweg eingenommen hatte, nicht mehr benötigte! (Von einer Depression hatte sie nie vorher berichtet.) Das Mittel wurde noch ein Mal in einer höheren Potenz wiederholt und ein halbes Jahr später schrieb sie eine E-mail, dass die Arthritis weg ist, sie sich sehr gesund fühlt und glücklich schwanger ist.

Verlaufsbeurteilung

Was man an diesem Fall besonders schön sieht, ist, wie durch eine unterdrückende Behandlung bei einer entsprechenden Veranlagung die Krankheit auf eine tiefere Ebene verschoben wird. Es wird aber auch deutlich, dass durch das individuell passende, auf den ganzen Menschen verschriebene homöopathische Mittel dieser Prozess umgekehrt werden kann und der Patient wieder gesundet. Auch können wir sehen, wie Patienten, bei denen die Schulmedizin von lebenslanger Medikation ausgeht, durch eine konstitutionelle homöopathische Behandlung eine ganz andere Lebensperspektive erhalten können. Manchmal ist lediglich ein wenig Geduld vonnöten, um das ganz genau passende Mittel zu finden. Doch aufgrund des Gewinns an Lebensqualität lohnt sich das.

Wir weisen darauf hin, dass wir von den Heilungsmöglichkeiten der Homöopathie überzeugt sind, aber die Homöopathie, wie jede andere Behandlungsmethode auch, eine Heilung nicht garantieren kann.