29.07.2009

Homöopathie: Wie funktioniert das eigentlich?

Aus der Mittelbayerischen Zeitung vom 29. Juli 2009


Regensburg. Mittlerweile kennt fast jeder die kleinen weißen Kügelchen, hat den Namen Belladonna, Apis, Chamomilla schon einmal gehört und weiß, dass es sich dabei nicht nur um die giftige Tollkirsche, das Gift der Biene oder die Kamille am Wegesrand handelt, sondern um ein Heilmittel, das Homöopathen bei kleineren Missständen einsetzen, zum Beispiel bei Ohrenentzündung, Zahnungsbeschwerden, akutem Fieber oder Verletzungen. Aber was genau ist eigentlich Homöopathie? Und was kann sie? Oliver Müller und Beatrix Szabó beantworten diese Frage.

Klassisch angewandte Homöopathie ist ein System, das in der Lage ist, die Selbstheilungskraft des Körpers so anzuregen, dass der Organismus sich selbst heilt - nicht nur bei akuten Krankheiten, sondern auch bei schweren chronischen Erkrankungen wie Neurodermitis, Asthma, Allergien oder massiven Rückenbeschwerden. Die medizinische Sichtweise der Klassischen Homöopathie ist dabei naturgemäß eine ganz andere als die der heutigen Schulmedizin: Der homöopathische Therapeut behandelt nicht die Krankheit, sondern den kranken Menschen, geheilt wird nicht das Symptom, sondern der gesamte Organismus. Entsprechend sieht und versteht die Homöopathie den Menschen immer und grundsätzlich in seiner Gesamtheit: Der Mensch ist krank, seine Lebenskraft ist erkrankt und deshalb entstehen diese oder jene Symptome. Die Symptome sind nicht die Krankheit an sich, sondern die Antwort des Körpers auf die Krankheit.

Jemand hat verdorbene Nahrung zu sich genommen - was passiert? Der Körper reagiert mit Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, begleitet von einsetzendem Fieber und Schwäche. Diese Symptome sind zunächst eine gesunde Abwehrreaktion des Körpers: er will die Giftstoffe möglichst schnell wieder loswerden. Würde man diese Symptome nun mithilfe von Durchfallmitteln, fiebersenkenden Tabletten und magenberuhigenden Medikamenten wegtherapieren, so würde man aus der Sicht der Homöopathie gegen den Körper und gegen sein Abwehrsystem arbeiten, denn die genannten Symptome wurden ja vom Organismus geschaffen, um einen bestimmten Zweck zu erfüllen.
Erst wenn der Organismus nicht mehr in der Lage ist, die Krankheit selbst auszuheilen, verordnet der homöopathische Therapeut ein Arzneimittel, das die Heilung unterstützt.

Wie das genannte Beispiel zeigt, schützt sich der Körper. Das ist auch bei chronischen Erkrankungen nicht anders: Der Organismus versucht immer, das Notwendige zu tun und das Beste für sich herauszuholen. Dazu gehört auch die Verteidigungsstrategie, die Krankheit so weit wie möglich "außen" zu halten: auf den weniger wichtigen Organen, etwa der Haut. So erkrankt bei vielen chronischen Krankheiten in der Regel zunächst einmal die Haut: sie juckt, ist rot, brennt vielleicht, sieht jedenfalls ungut aus. Wenn man nichts dagegen unternimmt, bleibt das auch so: Die Krankheit entwickelt sich auf der Haut, und keine weiteren, tieferen Krankheiten entstehen.
Niemand mag es, wenn die Haut juckt, gerötet ist, brennt. Also greifen wir zu einer Salbe, bei hartnäckigen Ausschlägen mit Cortison, die den Reaktionen der Haut den Garaus macht. So scheint es jedenfalls. Zunächst ist der Hautausschlag verschwunden und wir haben unsere Ruhe.

 

Doch nach wenigen Wochen oder Monaten, manchmal auch sofort, kann ein hartnäckiger Schnupfen entstehen. Die Krankheit wurde von außen nach innen verschoben, von der äußeren Haut auf die innere Schleimhaut. Die Folge sind beispielsweise Kiefernhöhlenerkrankungen und ständiger Schnupfen. Werden auch diese Symptome unterdrückend behandelt, entstehen nicht selten Allergien bis hin zu Asthma. Diese chronische Krankheit ist nun nicht mehr so leicht zu unterdrücken. Asthmatiker müssen oft ihr Leben lang Asthmasprays benutzen, um nicht zu ersticken, und die Aussicht auf Heilung ist eher gering.
Sollte eine Behandlung dennoch "anschlagen", vorübergehend zu einer scheinbaren Gesundung führen und die Krankheit von den inneren Schleimhäuten lösen, kann es in der Folge zum Beispiel zu Bluthochdruck, Krampfadern oder Rheumatismus kommen. Das Verteidigungssystem des Körpers bricht immer mehr zusammen, die Krankheit kann nicht mehr auf den äußeren, lebensunwichtigeren Organen gehalten werden, sondern sie tritt immer tiefer in den Organismus ein. Somit wundert es homöopathische Therapeuten nicht, dass die häufigsten Todesursachen durch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems zustande kommen, z. B. Herzinfarkt oder Schlaganfall, eben Erkrankungen an den wichtigsten Organen.

Sehen wir uns umgekehrt den Weg der möglichen Heilung an: Kommt ein Rheumakranker mit der eben umrissenen Vorgeschichte in die homöopathische Praxis, so wird zunächst das Rheuma behandelt. Nach erfolgreicher Therapie des Rheumas taucht als nächstes das Asthma wieder auf. Also behandelt der Homöopath das Asthma, und wenn auch diese Behandlung erfolgreich verläuft, stellt sich der Schnupfen wieder ein. Ist der Schnupfen geheilt, taucht der Hautausschlag wieder auf, der anfangs so erfolgreich mit Penatencreme wegzubekommen war. Erst wenn dieser Hautausschlag vergangen und keine weitere Erkrankung mehr zu erkennen ist, ist der Patient definitiv gesund..

Im Grunde richtet sich die Homöopathie nach den geltenden Naturgesetzen. Ein Frierender wird zwar durch ein warmes Bad oder warme Kleidung sofort gewärmt, doch auf Dauer immer verfrorener. Erst wenn man beginnt, den Frierenden mit Kälte zu behandeln, wird der Organismus selbst immer mehr Wärme produzieren.Das und nichts anderes versteht die Homöopathie unter Heilung. Es werden nicht Symptome "wegtherapiert", sondern der gesamte Organismus unterliegt dem Heilungsprozess. Die homöopathischen Mittel werden nicht als Ursubstanz verwendet, sondern potenziert. Dabei wird der Arzneistoff verdünnt und sehr häufig verschüttelt. Durch diese Potenzierung ist die Information des Kaffees für den Organismus leichter zu erkennen, die Wirkung ist dadurch langanhaltender und tiefer. Die anfangs erwähnten Kügelchen heißen dann Belladonna C 30 oder Chamomilla D 6 oder Hepar Sulfuris C 200. Je höher die Potenzierung, desto intensiver die Wirkung. Warum potenzierte Arzneimittel besser wirken als in Ursubstanz, ist noch nicht abschließend erforscht.

Entscheidend darüber, ob ein homöopathisches Medikament am Patienten eine heilende Wirkung zeigen kann, ist die Tatsache, dass aus all den vielen Medikamenten (etwa 2000 verschiedene) für diesen einen Patienten das richtige ausgewählt wird. Verordnet der Heilpraktiker falsch, passiert in der Regel nichts. Das ist das eigentliche Problem der Klassischen Homöopathie. Ein richtiges homöopathisches Heilmittel für einen Patienten zu finden, setzt viel Fachwissen und Erfahrung voraus. Um erfolgreich therapieren zu können, bedarf es einer gründlichen und tief gehenden Ausbildung.